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Autor Thema: Historischer Reisebericht St. Patricks Day 2000 in Dublin  (Gelesen 6335 mal)

Offline bádoir

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Historischer Reisebericht St. Patricks Day 2000 in Dublin

(Wer mir zum Kauf einer neuen Camera raten will: Habe ich schon.  Aber damals gab es halt noch Dias, siehe unten!)


Hallo,


Fast 10 Jahre, nachdem ich zum ersten Mal irischen Boden küßte (gleich am allerersten Tag hat es mich nämlich in Banagher  auf einem nassen Bootssteg hingebrettert) wollte ich mal einen St. Patricks Day in Irland erleben. 1999 wäre nicht schlecht gewesen, aber da häuften sich schon die Probleme mit meiner zukünftigen Ex.

Probleme gelöst.

Und so ging es im Millenium (schreibt man das so? - ist schon zu lange her) nach Dublin. Großes war zu diesem Anlaß angekündigt, und so begab ich mich erwartungsvoll auf die Reise.


16. März 2000

0400 Uhr.  Um eine Zeit, in der Hühner aufstehen, um Eier zu legen; zivilisierte Menschen ohne solche Verpflichtungen aber selig schlafen, ging der Wecker los.

Dann das Übliche: Ab zum Flughafen, warten, Sicherheitscheck, warten, einchecken, warten, Start in strömendem Regen, Landung im frühlingshaft warmen Irland. Begrüßungs-Guinness, Taxifahrt durch die „Osterglockenallee“ nach Dún Laoghaire, Einchecken im Hotel, Begrüßungs-Smithwicks, Runde durchs abendliche Dún Laoghaire. (Bild 1)

Es wurde dunkel, der Magen knurrte- aber das Personal im hauseigenen Pub „Spinnaker“ war im Hinblick auf den morgigen Tag nur in Rumpfbesetzung anwesend. Hungrig ins Bett? Sollte ich meinem durch nächtliches Aufstehen schon malträtieren Körper das antun? Nein. Also gings zum Quinnsworth (gabs damals noch), angelte 200 g feinsten Räucherlachs aus der  Kühltruhe, griff mir Sodabrot und Kräuterfrischkäse und dinierte provisorisch, aber fürstlich auf einem durch meinen Koffer erhöhten, ansonsten viel zu niedrigen Beistelltisch. Sonst war das Zimmer ganz OK, aber finde mal Mitte Januar ein Hotelzimmer für den Patricks Day! Die  weiblichen Forenmitglieder werden stöhnen: „typisch (Wieder-)Junggeselle“. Aber es war herrlich. Spontan, ohne Gemotze, wo es nun zum Essen hingeht  – drum wollte ich Euch dieses erschütternde Dokument mitteleuropäischer Eßkultur nicht vorenthalten (Bild 2)

Anschließend opferte ich mich, um im Pub im Erdgeschoß die Zapfanlage leer laufen zu lassen. Schließlich wollen die Iren morgen  an ihrem höchsten Feiertag ja frisches Bier haben!


17. März 2000

0845 Uhr aufgestanden, Irish Breakfast verkniffen, stattdessen einen der Figur zuträglicheren Spaziergang gemacht. Ich war fasziniert: Um diese Zeit ist hier echt schon Frühling, in Gärten und Parks blüht es schon!

Dann ging es zum Hauptereignis. Mit dem DART (S-Bahn) ging es nach Dublin. Bemerkenswert war, dass die Eingangssperre zur Seite geschoben war und man umsonst fahren konnte. Danke an die Großzügigkeit der Iren! (Oder war das nur ein technischer Defekt?- egal, in Deutschland hätte man die Station dann wohl eher dichtgemacht).

Dann ging es zur o´Connell Street, wo ich den Umzug schon Jahre zuvor per Webcam verfolgt hatte. Offengestanden, die Sicht auf das Geschehen per Webcam war besser, als hier in der gefühlten zehnten Reihe. Oder, wäre besser gewesen, wenn ich nicht vorgesorgt hätte.  So packte ich meine Videocamera (VHS – kennt das noch jemand ?) aus, schraubte das Stativ darunter, ließ das Dreibein aber beieinander und hielt damit die Kamera nach oben. (Bild 3)

 In der Hand hatte ich einen größeren abgesetzten Monitor, um den sich bald jede Menge Iren scharten. Auch eine Möglichkeit, mit den Iren ins Gespräch zu kommen. Hinterher haben sie wahrscheinlich über die überperfektionierten Deutschen gelästert. Zugegeben, auch die Iren kennen Lösungen, um zu einem Logenplatz zu kommen (Bild 4)

Kurz und gut, der Umzug war sehenswert und obendrein auf VHS - Cassette gebannt.

Nach dem Ende des Umzugs  fiel ich zwei Missionaren in die Hände. Ja, das gibts noch in Irland (da sollen die erzkatholischen Iren zu supererzkatholischen Iren „bekehrt“ werden).  Das ist nun aber nicht so,  daß man dann im Kochtopf landet (also umgekehrt wie in den gängigen Witzzeichnungen), aber sie haben eine andere Pein auf Lager. Sie bequasseln dich saccharinsüß, jedoch  mit einer obsessiven Penetranz, als gälte es, einen entlaufenen Strafgefangenen auf den Weg zur Besserung zu bringen.

Erst die Frage, welches wohl die beste Verhütungsmethode wäre, falls heute abend ......  (meinen genauen Wortlaut zitiere ich aus Rücksicht auf die Forenregeln nicht, aber es kam ein „f“ darin vor) brachte sie schlagartig zum Schweigen. Sie bekreuzigten sich und senkten betreten ihren Blick auf einen Gully, so, als ob aus diesem gerade jemand aus dem Reich des Satans gesprochen hätte.

OK, die war ich los.

Doch alles sollte mir an diesem Tag auch nicht gelingen. Dass die Pubs an diesem Tag voll wären, war mir klar.  Aber ein kleines, schmales  Stehplätzchen  (schließlich hatte ich extra auf mein Irish Breakfast verzichtet) erhoffte ich mir schon. Um es kurz zu machen: nicht nur die Pubs waren rappelvoll, sondern auch die Gehsteige davor – und das noch vor dem Rauchverbot.

Aber wir Seeleute sind ja flexibel, wissen jedes schiefgelaufene Manöver zum besten zu wenden. So begab ich mich in die Lower Grand Canal Street, um ein gutes Stück weit am Grand Canal von seinem Ende in Ringsend weg Richtung Inchicore  zu erkunden. (Bild 5)

 Diese sog. „Circular Line“ zum Liffeyhafen war später (1796) gebaut worden, ursprünglich ging der Kanal schnurstracks in den Hafen neben der Guinness – Brauerei. Diese mittlerweile verfüllte Stichstrecke wird nun von der Straßenbahn benutzt. Die Circular Line und die Weiterführung aus der Stadt hinaus,  die den Chartergästen versagt bleibt, war damals etwas abenteuerlich zugewachsen und vermüllt, aber da hat sich in der Zwischenzeit einiges getan.

Auf dem Rückweg hatte sich die Pubsituation keineswegs entspannt, dafür gab es ein paar nette Tanzdarbietungen auf Pontons, die auf der Liffey festgemacht waren. Welch Genehmigungsaufwand hätte dies in Deutschland vorausgesetzt! Pfeilschnell ging es dann mit dem DART ins fast schon heimatliche Dún Laoghaire. Ein guter Entschluß. Im Spinnaker, dem Pub in meinem Hotel (kurze Wege, ye´know) gab es das irische Nationalgericht jener Tage, CTM. (Wer nicht dahinterkommt: Chicken Tikka Masala).

Offensichtlich waren noch mehr Leute, vornehmlich Iren, des Rummels überdrüssig, und so scharten wir uns um ein Ehepaar, das neben (echtem!) Kaminfeuer Sean – Nós Gesang vom Feinsten vortrug. Herrschaften, war  d a s  schön!


18. März 2000

Da konnte ich dem Irish Breakfast nicht widerstehen, was am selben Tag den Kauf einer neuen Hose (selbstverständlich in grün!) erforderlich machte. So gerüstet, gab es einen Ausflug auf der idyllischen Bahnstrecke nach Bray mit Zwischenhalt in Killiney. Ein eindrucksvoller Blick vom Killiney Hill auf die Klippen tat sich auf (Bild 6). Der Gag auf der Tafel (Bild 7) ist nicht etwa die übliche Schmiererei in der Mitte, sondern eine berechtigte  Vervollständigung mit einem Buchstaben unten. Denn leider wurde dieser Abhang  als Müllkippe mißbraucht für allerlei Schrott, darunter auch einige Kühlschränke.
Irischer Humor eben.


19. März 2000

In Dún Laoghaire beginnen mehrere Buslinien, sodaß man sich rechtzeitig einen Platz ganz vorne im oberen Stock reservieren kann. Da die direkte Verbindung nach Dublin durch den DART abgedeckt ist, fährt der Bus einige Umwege, und man hat eine schöne Rundfahrt. Heute würde man sein GPS-Handy zur Übersicht über den Standort dabeihaben (Tipp!), aber mit den damaligen spartanischen GPS- Geräten hatte das wenig Sinn.

So ging es in den Phoenix Park (der übrigens nicht durchgehend „Park“ sondern einfach Wiese ist) und in den Zoo. Dieser war früher wegen der Tierhaltung nicht gut beleumdet, wurde aber seit Mitte der 90er Jahre ausgebaut. Sehr schön ist das Tropenhaus (Bild 8 ), in dem Pflanzen und Tiere, und selbstverständlich auch das inoffizielle Wappentier Irlands, der Tukan, zu finden sind. Hier im Zoo konnte ich ein Musterbeispiel irischer Verklemmtheit beobachten. Als im Freigelände zwei Tiger „tigerten“, sich also sich um Bestandsvermehrung kümmerten, hielt sich eine ältere Frau erschrocken eine Zeitung vors Gesicht und entfernte sich schleunigst von dem Ort animalischer Dekadenz.

Am Abend waren  „gorgeous fireworks“ angesagt. Alles klar – aber halt mal  – - - 3 bis 4 Stunden vorher sollte man da sein, weil dann der Verkehr voraussichtlich zusammenbricht (es war tatsächlich so, wie die Irish Times ankündigte) ?

Man muß halt reden mit den Leuten. So erhielt  ich den Tipp mit der nördlichen Hafenmole von Dún Laoghaire. Einer der längsten Hafenmolen Europas (ca. 1,5 km Nordmole) sollte für jeden einen Platz in der ersten Reihe bereithalten. Und so war es auch. Erwartungsgemäß waren genug Einheimische dort.  Ein paar Leute hatten ihren damals so genannten Ghettoblaster, natürlich mit irischer Musik, dabei.  Geschäftstüchtige Iren verkauften Guinness mit einem fairen Aufpreis, die Stimmung war grandios. Das Feuerwerk war etwas entfernt, aber so hatte man den Überblick ohne Genickstarre und war nicht stundenlang unterwegs, bis man wieder zurück war. Wieder ein Abend vom Feinsten.


20. März 2000


Ausflug nach Howth, sehr empfehlenswerter Höhenweg an der Steilküste. Immer sieht man auch nicht fliegende Möven von oben. Zurück zur Pubbekriechung in Dublin, Messr Maguires Pub & Microbrewery. (Burgh Quai, 1-2). Ohne der weltberühmten Hopfenlimo aus dem Hause Arthur G. irgendwie  Unrecht tun zu wollen, hier muß man hineinschauen! Nicht nur ins sich rapide leerende Glas (schließlich sind mehrere Biersorten zu verkosten), auch die Speisekarte entspricht mehr einem Restaurant, als dem üblichen Pub Grub. Hier, an einem Fensterplatz im 1. Stock, mit Blick auf das Getriebe der Stadt – da kann man versumpfen!


21. März 2000

Mit dem DART gings bis Clontarf und dann durch typisch irische Reihenhaussiedlungen und schöne Parks am Tolka River entlang zum schon frühlingshaft blühenden wunderbar angelegten Botanischen Garten (Bild 9). Es gibt genug Tipps zu Dublins Sehenswürdigkeiten, aber dieser Garten wird stiefmütterlich behandelt. Nicht so von Google Street View, wo man anscheinend die ganzen Fußwege  abfahren durfte. Dort zur virtuellen Tour reinschauen, dann kann ich mir weitere Worte sparen!

Nach soviel Natur noch etwas Technik: Die Scherzer Rolling Lift Bridge am Ende des Royal Canal (mein Dia ist recht unvollkommen, deshalb ein link:)
http://builtdublin.com/scherzer-rolling-lift-bridges-north-wall-quay-and-custom-house-quay-dublin-1/


22.März 2000

Rückflug. Es gab nochmal Irish Breakfast. Obwohl das Thema Übergepäck und Flüssigkeiten im Handgepäck im Jahre 2000 noch kein großes Thema war – irgendwie trugen sich die Vorräte so bequemer.

Ja, das wars, und nun mußte Irland fast 5 Monate warten.



Bilanz und Tipps:

Ich würde diesen Urlaub 2000 gerne wieder so machen – aber nicht mehr 2001 oder später. Die St. Patricksfeier hatte schon 2000 einen Hang zum Gigantomanischen, und es ist seither noch extremer geworden.

Für diesen Anlaß würde ich Euch eher eine kleinere Stadt im Bereich 10 - 30 000 Einwohner empfehlen – oder eine Mikroparade irgendwo auf dem Dorf (da muß man als Fremder, der sich um diese Zeit nach Irland verirrt, aber mitmarschieren!)

Dublin sonst? Wie alles, eine Geschmacksfrage. Meine Meinung: Jederzeit, heutzutage aber nicht mehr  in den letzten drei Märzwochen.

Weitere Tipps:

Nicht am Ende eines Bootsurlaubs Dublin-Tage einplanen; nach so viel Ruhe erschlägt einen die Großstadtatmosphäre irgendwie. Auch für den Anfang eher unpassend, am besten, mal eine Woche oder mehr extra vorsehen.

Vergeßt das Thema Leihauto in Dublin. Meine persönliche Erfahrung: Einmal und nie wieder.
Mit dem Bus kommt man überall hin, mit dem DART / Arrow im 5-10-Minutentakt in die nähere Umgebung. Das ist ein S-Bahnbetrieb, bei dem  die deutschen Betreiber an Isar und Spree in die Lehre gehen sollten!

Aus diesem Grund empfehle ich auch, sein Quartier etwas außerhalb zu wählen. Mitten in Dublin ist es doch ziemlich laut (auch schon ausprobiert) Mit Dún Laoghaire habe ich in weiteren drei einwöchigen Urlauben eine gute Wahl gefunden.

Und nun viel Spaß beim Planen – aber vergeßt die allerhöchste Form des Urlaubs, den Bootsurlaub nicht!

Happy St. Patricks Day!

bádoir
« Letzte Änderung: 17.03.2015, 12:33 von bádoir »

Offline Volpi

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Vielen herzlichen Dank für diesen stimmungsvollen und zum heutgen Tag so überauspassenden Urlaubsbericht.

Einen frohen St.Patricks Day an alle Leser und den Betreiber des Forums

Petra

Offline bádoir

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Gern geschehen, Petra!

Nachtrag:

Die Livecam con der O´Conell Bridge scheint es nicht mehr zu geben, aber für etwas Atmosphäre gibts noch diese (ohne Umzug):
http://www.earthcam.com/world/ireland/dublin/?cam=templebar

Galway, mit Umzug, ohne Regen:
https://thecladdagh.com/webcam

bádoir
« Letzte Änderung: 17.03.2015, 13:06 von bádoir »