Shannon-Forum

Autor Thema: KUBA (Teil 4)  (Gelesen 668 mal)

Offline paolo

  • Verified User
  • VIP Member
  • *****
  • Beiträge: 1411
    • deadzone
KUBA (Teil 4)
« am: 28.09.2017, 11:19 »
Montag, 10. April 2017 - kurz vor halb sieben

Ich hatte am Abend vorher extra alle sechs Fenstervorhänge in meiner Achterkajüte offen stehen gelassen. Ich wollte unbedingt in der Früh von den ersten Sonnenstrahlen geweckt werden und damit den Tag der Abfahrt zu meiner über sechzehnhundert Kilometer langen Bootstour vom Zuidlaardermeer in Nord-Holland zum Etang de Thau am Mittelmeer in Süd-Frankreich gleich freundlich beginnen.

Die Prognose meiner Wetter-App vom Vorabend zeigte einen wolkenlosen Himmel für die Morgenstunden an und meine Vorfreude auf diesen für mich großen Tag war riesengroß. Und zwar so groß, dass es mir schwerfiel in meiner letzten Nacht im Hafen von Allround Watersport sofort einzuschlafen. Ich hatte noch vor dem Zubettgehen mit Britta und allen drei Kindern telefoniert, dann eine Büchse Heineken getrunken, Zähne geputzt, Schlafshirt und die grün karierte Pyjamahose, die ich mal in Schottland erworben hatte, angezogen, das Licht in der Kajüte ausgemacht und mich dann rücklings in die Koje gelegt und die Augen geschlossen.

Aber ich war plötzlich viel zu nervös um gleich einzuschlafen, unzählige Gedanken schossen mir durch den Kopf und ich riss die Augen wieder voll auf.

War ich gut vorbereit?
Hatte ich an alles gedacht?
War die Ausrüstung wirklich komplett?
Wassertank voll, Ölstand gemessen, 5-Liter Kanister mit Superbenzin für den Honda-Stromgenerator voll, genug Zewa und Klopapier an Bord?
Würde John, wie versprochen, morgen früh um Punkt neun an der Zapfsäule bereitstehen, damit ich nochmal bis zum Anschlag Diesel nachtanken könnte?
Und...
Und...
Und...
Und vor allem: Würde die Kuba auf der ersten Etappe nach Groningen unter der  Eisenbahnbrücke "Spoorbrug" durchpassen?
Die Kuba hat - wenn alle beweglichen Teile, wie Mast, Davits und Bimini heruntergeklappt sind - eine verbleibende Höhe von ziemlich genau drei Metern, voller Diesel- und Wassertank, die das Schiff im Wasser 'schwer' machen, vorausgesetzt. Und die Durchfahrtshöhe der Brücke wird in der Karte ebenfalls mit dreikommanullnull Metern angegeben. Im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres bin ich schon öfter unter dieser Brücke - ganz, ganz langsam - durchgefahren. Das war jedes Mal absolute Milimeterarbeit, aber es hat immer so gerade gepasst. Nur einmal hat die Kuba mit dem Windshield am oberen Steuerstand an der Brücke angekratzt. Ist aber alles heile geblieben, die beiden Glasscheiben haben es überlebt, sind nicht zerborsten.
Aber wie würde es morgen aussehen?
Nach dem vielen Regen im Winter und vor allem auch in der letzten Zeit könnte der Wasserstand höher als normal sein. Und wenn ich dann nicht unter der Brücke hindurch passe, müsste ich wieder zum Zuidlaardermeer zurück und dann einen satten Umweg von gut fünfunddreissig Kilometern nach Groningen fahren. Wegen der über fünfzig (!) Brücken und Schleusen wäre das eine ganze Tagesreise und schon am ersten Tag meiner Reise wäre mein Zeitplan dahin gewesen.
Die ganze Ungewissheit war einfach schrecklich. Und so lag ich leicht verkrampft in meiner Koje und wusste nicht, wie ich einschlafen und eine geruhsame Nacht verbringen sollte.
Und dann fielen mir die Augen irgendwann doch zu.

Kurz nach sechs drückte meine Blase, ich wurde wach und sah sofort aus dem nach Osten gewandten Fenster. Über den Baumwipfeln wurde es schon hell und jeden Moment würde die Sonne über den zahlreichen Fichten empor steigen.
Ich schlug die Bettdecke zurück, stand auf, verschaffte im Bad meiner Blase wohltuende Erleichterung, putzte mir die Zähne, öffnete dann im Salon die Außentür. Ein erster Blick nach oben zeigte mir, dass keine einzige Wolke den Himmel verdeckte. Und so ging ich barfuß und immer noch in Pyjamahose und Schlafshirt auf's Deck der Kuba und sog gierig frische Morgenluft in meine Lungen.
Und frisch war es tatsächlich.
Das Außenthermometer zeigte irgendwas zwischen sieben und acht Grad an und dafür war ich eigentlich im Moment noch nicht wirklich richtig gekleidet...
Aber ich war viel zu berauscht von der wunderschönen Natur, vom spiegelglatten Wasser auf dem Zuidlaardermeer und von der Vorfreude auf meine Abfahrt.
Und ich spürte, wie meine Lippen sich zu einem breiten Grinsen formten.
Wahnsinn, dachte ich und hoffte, dass John pünktlich an der Zapfsäule erscheinen würde.

Kurz nach acht, mittlerweile vernünftig angezogen, sah ich Sabine die aus dem Gartentor ihres Wohnhauses herauskam und rüber zum Büro ging.
Da gibt's gleich frischen Kaffee, dachte ich, stieg von der Kuba und ging zu Sabine, die mich mit einem netten Lächeln empfing und der Frage, ob sie mir vielleicht einen Cappuccino machen könnte.
Und während die Kaffeemaschine lief, sagte ich zu ihr, dass ich auf John zwecks Volltankens warten würde.
"Tanken willst du? Das kann ich auch machen, da brauchen wir John nicht für", sagte Sabine und in diesem Moment hätte ich sie am liebsten in die Arme genommen und vor Glück heftig abgeknutscht.

Aber es stand der Tresen zwischen uns.

So schlürfte ich schnell meinen Cappuccino, ging eiligen Schrittes zu meinem Schiff zurück, startete den Motor, löste das Landstromkabel und die Leinen an den Stegklampen, stieg wieder auf's Boot und fuhr die Kuba rückwärts aus der Parktasche raus, wo sie seit Ende Oktober gelegen hatte, und dann die hundert Meter zur Zapfsäule, wo Sabine schon auf mich wartete.
Ganze hundertfünfundsiebzig Liter Diesel passten in den Tank, und gerade als ich im Büro die Rechnung mit meiner EC-Karte beglich, kam John zur Tür rein und ich sagte gleich zu ihm, dass ich schon getankt hätte und dass es jetzt endlich  losgehen würde.

Als ich an der Zapfsäule ablegte und die Kuba auf das Zuidlaardermeer zusteuerte, kamen Sabine und John aus ihrem Büro nach draußen und winkten mir freundlich zu.
Etwas wehmütig winkte ich zurück. Die beiden waren immer unglaublich nett und immer hilfsbereit gewesen und ich fragte mich, ob ich sie jemals wiedersehen würde.
Da war es genau fünf Minuten nach neun.

Mein erster geplanter Stop sollte Groningen sein, wo ich im Osterhaven anlegen und dann im Jumbo fett Lebensmittel, Wasser und Bier einkaufen wollte. Das Bunkern in Groningen erschien mir sinnvoll, da es vom Anleger zum Jumbo nur etwa dreihundert Meter waren, sodass ich meine Einkäufe gut mit der kleinen Sackkarre zum Boot schaffen könnte. Von meinem Winterlager aus hätte ich gut drei Kilometer mit dem Fahrrad zum Supermarkt fahren müssen. Klar, dass ich mich da für Jumbo in Groningen entschied.

Auf dem Zuidlaardermeer war außer der Kuba und mir ansonsten noch keiner unterwegs. Wir fuhren in den Drentsche Diep in nordwestliche Richtung und langsam wurde ich schon ein bisschen nervös, denn bis zu der niedrigen Eisenbahnbrücke war es jetzt keine halbe Stunde mehr.
Ich beobachtete immer wieder den Uferböschungsverlauf, was meine Nervosität noch ein bisschen verstärkte, da mir der Wasserstand nicht gerade als niedrig erschien.

Der Drentsche Diep ist bis zur besagten Eisenbahnbrücke absolut idyllisch, wenngleich sie der etwas despektierlichen Beschreibung "platt wie Holland" alle Ehre macht. Kein Berg, kein Hügel, nicht mal die kleinste Erhebung soweit das Auge rundum reicht. Und trotzdem: Ich fand's wunderschön.
Auf der gesamten Strecke gibt es eigentlich nur zwei Bauwerke. Zum einen eine große blecherne Windhose und dann noch eine kleine alte Mühle, die zu einem Wohnhaus mit eigenem kleinen Hafen umgebaut wurde.
Kurz nach der Mühle windet sich das Fahrwasser links herum und dann sieht man schon eine schmale, alte Holzbrücke, die nur von Spaziergängern genutzt wird. Die Durchfahrt unter dieser Holzbrücke ist noch ziemlich unproblematisch, da hat die Kuba immer noch fünfzehn bis zwanzig Zentimeter Luft nach oben. Aber gleichzeitig ist dieser hölzerne Überweg der Vorbote für die Eisenbahbrücke, die sich in circa siebzig Metern unmittelbar nach einer scharfen Rechtskurve befindet.
Ich drosselte die Bootsgeschwindigkeit auf niedrigstes Schritttempo, gerade mal so, dass ich noch minimalen Schub hatte, um die Kuba mittig in der Kurve führen zu können.
Das passt niemals, dachte ich nur, kuppelte aus und ließ mein Schiff mit dem allerletzten Restschub auf die Brückendurchfahrt zufahren. Meine rechte Hand umklammerte mit festem Griff den Gashebel, jederzeit bereit, den Hebel energisch nach hinten zwecks Umkehrschub zu ziehen. Und als ob ich nichts Besseres zu tun hätte, zog ich mein Handy aus der Jackentasche und startete die Kamera-App. Wenn schon berstende Glasscheiben, dann wollte ich das auch zur Erheiterung der späteren Betrachter auf einem Sensationsfoto festhalten.
Und als die kuba den ersten Brückenbogen erreichte, drückte ich auf den Auslöser.
Und es war knapp.
Verdammt knapp.
Die Kuba kam aber ganz ohne Anzuschrammen komplett unter der ganzen, vielleicht fünfzehn bis achtzehn Meter breiten Brücke durch. Und als ich dessen gewiss war, brüllte ich laut "HALLELUJAAAAA" aus mir heraus, "ICH LIIIIIEBE DIESE SCHEISSEEEEE!!!!".

Und fuhr danach ganz gesittet weiter.
Was sollte mir denn jetzt noch passieren...

Nach der Eisenbahnrücke macht der Drentsche Diep noch eine Links-, dann eine Rechtskurve und dann biegt man Richtung Groningen nach links in den Winschoterdiep ein. Ein Kanal, auf dem auch große Frachtschiffe fahren. Da kommt nach ungefähr hundert Metern die nächste Brücke. Und weil diese mit gerade mal hundertzehn Zentimetern für Boote und Schiffe fast aller Art zum Passieren viel zu niedrig ist, wird diese Brücke von einer Leitzentrale fernbedient. Bei diesen Leitzentralen kann man sich entweder telefonisch anmelden und um Öffnung bitten oder per Funk (holländisch: Marifon) oder - und das ist in Holland richtig klasse - man fährt an einen Steiger mit dem Hinweisschild 'SPORT' ran und drückt dort auf einen roten Knopf, der der Leitzentrale signalisiert: da steht einer und will durch...
Dann dauert es meist nur kurze Zeit bis das zuvor rote Ampellicht auf rot-grün schaltet, dann wird der eventuelle Auto-, Fahrrad und Fußgängerverkehr mit einem lauten Klingelton auf die bevorstehende Brückenöffnung vorgewarnt, dann werden an den Brückenzufahrten auf beiden Seiten Schlagbäume zur endgültigen Sperrung des Durchfahrtsverkehrs herab gelassen, dann wird die Brücke hydraulisch angehoben oder auch zu einer Seite hin weg gedreht, dann schaltet die Ampel für den Schiffsverkehr auf 'grün', dann fährt man mit seinem Kahn durch die geöffnete Brücke durch, und wenn der Schiffsverkehr erledigt ist, wird die Brücke wieder herab gelassen oder zurückgedreht, die Schlagbäume wieder geöffnet und die Überquerung der Brücke für alle landseitigen Benutzer wieder frei gegeben.
Bis wieder ein Boot kommt, dann geht das ganze Spiel von vorne los.

Die Durchfahrt durch die 'Waterhuizerbrug' verlief genau nach diesem Schema und als die Kuba und ich die Brücke passiert hatten, gab ich wieder vermehrt Gas am Hebel und erhöhte die Drehzahl auf sechzehnhundert Umdrehungen pro Minute.
Der gute alte DAF-Motor schnurrte wieder wie ein Kätzchen.

Aber das nur noch kurze Zeit.

Ohne dass ich die Stellung des Gashebels verringerte, drosselte plötzlich der Motor wie von Geisterhand. Ein Blick auf den Drehzahlmesser zeigte mir plötzlich nur noch 1.200 UpM an, dann 1.100, dann 1.000.
Bei neunhundert hab ich den Gashebel ganz nach vorne - praktisch auf Vollgas - gedrückt.
Aber da kam kein Vollgas.
Nix.

Was sollte ich tun?
Ich war doch gerade mal ein einziges, klitzekleines Stündchen unterwegs.
Ich wollte doch noch bis ans Mittelmeer.
Und jetzt schon der Motor am Arsch?

Von jetzt auf gleich war ich mit den Nerven am Ende.
Fix und fertig.
Völlig hilflos.

Was tun???
Würde der Motor jetzt irgendwann ganz seinen Dienst versagen und mit einem letzten 'puff' aus dem Auspuff (das Wort kam mir wie Hohn vor: "Aus"-"Puff", hahaha) das Zeitliche segnen?
Würde die Kuba dann maneuvrierunfähig auf dem Winschoterdiep zum Spielball von Wind und Strömung?
Was, wenn jetzt ein fetter Frachter auf uns zudonnern würde und nicht mehr rechtzeitig ausweichen oder aufstoppen könnte?

Mir war zum Heulen zu Mute.

Da erhöhte sich die Drehzahl des DAF's plötzlich deutlich hörbar ganz von selbst wieder.
Von 900 auf 1.200.
Um dann aber gleich wieder auf 1.050 abzusacken.

"Komm, Baby, komm!", presste ich aus meinen zusammen gekniffenen Lippen, "lass mich jetzt nicht im Stich, Bitttteeee!".

900.
800.
Ich muss anlegen und John anrufen.
Genau.
John muss mir helfen.
Oder Jan-Geerd.
Der hatte doch noch vor ein paar Tagen den Motor gewartet und gemeint, der DAF liefe gut...

1.000
1.200
1.000
900

Ich muss irgendwie anlegen.
Aber wo? Hier in der holländischen Pampa.
Im Nirgendwo.
Kein vernünftiger Anleger in Sicht.

Und wenn ich jetzt einfach irgendwo am Rand anlegen würde?
Aber wie sollte dann John oder Jan-Gert zur Kuba gelangen?
Nur ein schmaler Trampelpfad für Spaziergänger rechts und links am Ufer.
Keine vernünftige Straße.

Am liebsten hätte ich jetzt still vor mich hin gekotzt.

Da tauchte vor mir die nächste Brücke auf.
Die Duinkerkenbrug muss wegen ihrer geringen Durchfahrtshöhe von hundertsechzig Zentimetern ebenfalls von der Leitzentrale bedient werden.
'Vor der Brücke gibt's bestimmt einen Anleger', dachte ich im Stillen um mir Mut zu machen, 'da mache ich gleich fest und rufe John an.
Doch je näher ich an die Brücke kam, wurde ich gewahr, dass es da gar keinen richtigen Anleger gab, sonder nur sechs überdimensionale Holzpoller, die im Abstand von ungefähr fünf Metern aus dem Wasser ragten. Am mittleren Poller sah ich den roten Knopf zur Kontaktaufnahme mit der Leitzentrale.
Ok, dann doch noch durch die Brücke, vielleicht gibt's ja dahinter eine Möglichkeit zum Festmachen.
So tuckerte ich langsam auf die Poller zu und stoppte am Mittleren auf. Das war nicht ganz einfach, denn mittlerweile gabs Schub von hinten durch frischen Wind von achtern.
'Hoffentlich geht mir jetzt im Leerlauf nicht der Motor komplett aus', schoss es mir durch den Kopf, als ich auf den roten Knopf drückte.
Ging er aber nicht.
Es kam anders.
Fast noch ein bisschen schlimmer.

Was ich in dem ganzen Drehzahlstress völlig aus meinem Gedächtnis verbannt hatte, war ... mein Dinghy. Dieses hängt normalerweise hinten am Boot an den Davits. Nur diese Davits hatte ich ja vor Abfahrt wegen der niedrigen Durchfahrtshöhe an der Eisenbahnbrücke komplett abschrauben müssen. Das Dinghy zog ich also an einer Leine im Wasser hinter der Kuba her, was an sich kein Problem darstellt.
Jetzt hatte ich aber an den Pollern aufgestoppt, auf den roten Meldeknopf gedrückt und wartete auf freie Fahrt durch die Brücke. Das Dinghy hatte sich derweil durch Wind und Aufstoppen bedingt weiter nach vorne geschoben. Und das dummerweise auf der Steuerbordseite rechts am ersten Holzpfosten vorbei, lag jetzt parallel zur Kuba, mit der Leine verbunden, aber  mit dem Holzpfosten dazwischen.
Und DAS hatte ich nicht bemerkt.
Nicht mal dran gedacht.

Die Brücke ging hoch, die Ampel schaltete für mich auf grün, ich gab vorsichtig Gas und fuhr los. Da gabs plötzlich hinter mir einen kräftigen Ruck und  dann ein lautes Plopp.
Ich rief: "verdammte Scheiße, was ist denn jetzt jetzt schon wieder los?", und blickte fassungslos auf das Dinghy, das gut sieben oder acht Meter hinter der Kuba weg- und auf das Ufer zutrieb. Die Edelstahlöse an der ich die Leine am Gummiboot befestigt hatte, war heraus gerissen!
"Du hirnrissiger Amateur!
Du blöder Anfänger!
Du Aaaarschloch!"
beschimpfte ich mich auf unflätigste Weise selbst. Wenn sich jetzt noch die hinten an der Kuba baumelnde Leine in der Schraube verfängt, dann Gute Nacht, Marie. Dann spring ich ins Wasser, schwimme ans Ufer, nehme den nächsten Zug nach Köln und fahre nie wieder Boot.
Nie wieder!
Ich stürzte ans Heck, sah, dass die Leine noch frei war, sich noch nicht in der Schraube verwunden hatte, holte die Leine schnell ein.
Das war nochmal gut gegangen.

Aber jetzt das Dinghy...
Sollte ich es einfach treiben lassen, Britta das Haushaltsgeld kürzen und mir einfach bei nächster Gelegenheit ein neues Beiboot zulegen?
Ich muss zugeben, dass mich dieser Gedanke einen Moment lang fasziniert hatte.
Aber dann sagte ich entschieden "Nein" zu mir, ging zum Steuer, legte den Rückwärtsgang ein und steuerte das Heck der Kuba so gut es ging Richtung Dinghy. Dann wieder Aufstoppen, nur nicht zu nah ans Ufer kommen. Dann das Gaff ausfahren, irgendwo am Beiboot einhaken, die Festmacherleine schnappen, das Dinghy wieder mit einem Palstek festmachen, Vorwärtsschub geben (wenn es denn einen Vorwärtsschub überhaupt gab) und die Kuba nebst Gummiboot vom Ufer wegfahren.
So, war mein Plan.

Und soll ich euch was sagen?
Der Plan hat auf Anhieb - ohne weitere Zwischenfälle - bestens funktioniert.

Halleluja!

Nix mehr hirnrissiger Amateur.
Jetzt war ich ein Held!

Die Leitzentrale hatte in der Zwischenzeit die Brücke wieder geschlossen. Also musste ich mich neu per rotem Knopf anmelden. Aber auch das hat bestens funktioniert. Nach kurzer Zeit wurde die Brücke wieder geöffnet und ich fuhr die Kuba hindurch.

"Jetzt trag mich auch noch nach Groningen", sprach ich zu meinem Boot und streichelte dabei liebevoll das Steuerrad.

Und die Kuba folgte artig.
So fuhren wir ganz gemächlich mit wechselnden 800 bis 1.200UpM bis zum Osterhaven. Dort stand Agnes, die freundliche Hafenmeisterin am Kai, sah mich kommen und winkte mir zu, ich solle direkt vor ihr an der Kaimauer anlegen.
Und auch das klappte perfekt. Agnes schnappte sich die Vorleine vom Bug und machte sie an der Kaiklampe fest, während ich die Heckleine bediente.
"Guten Tag", begrüßte mich Agnes mit breitem Grinsen im Gesicht. Und im selben Atemzug: "Du musst dein Beiboot immer ganz kurz anleinen!".
Wusste die alte Käseschachtel etwa, was mir an der Brücke eben passiert war?
Aber woher?
Ja klar, schoss es mir durch den Kopf. Die Brücken sind ja alle videoüberwacht.
Wahrscheinlich hat sich der Mann in der Leitzentrale schlapp über mich gelacht und die frohe Kunde vom dämlichen Deutschen, der zu blöd war, sein Dinghy unter Kontrolle zu halten, schon per Funk in ganz Nord-Holland verbreitet.
Nee, wie ist dat schön.
Nee, wat ham' wer gelacht.

Ich hab Agnes' guten Ratschlag aber einfach nicht kommentiert, hab artig meine einundzwanzigfünfzig Liegegeld bezahlt, den Landstrom angeschlossen, bin in die Kajüte abgestiegen und hab alle Vorhänge geschlossen.
Ich wollte jetzt erstmal niemanden mehr sehen.
Vor allem, keine witzigen Holländer!

Bei einer eiskalten Büchse Heineken habe ich dann meinen Groll auf alle Niederländer schnell wieder überwunden.
Schließlich war ich es ja selbst Schuld gewesen, nicht die Käseköppe.
Und schon hatte ich wieder alle Holländer lieb.

Was aber war mit dem Motor?
Warum funktionierte der nicht richtig?
Wieso der Leistungsverlust?

Ich rief bei Allround Watersports an. Sabine ging ans Telefon und ich erklärte ihr, was mit dem Motor vorgefallen war. Das Dinghy-Malheur habe ich aber mit keiner Silbe erwähnt.
Sabine hatte keine Erklärung parat und John und Jan-Geerd waren nicht da. Die waren beide damit beschäftigt, weitere Boote aus dem Winterlager zu holen. Sabine versprach mir aber, John würde mich sofort zurück rufen, sobald er wieder im Büro war.

Das tat er dann auch, aber erst gegen halbsieben.
Warum der Motor keine volle Leistung brachte, konnte er sich zunächst nicht erklären. Dann meinte er aber, ob ich denn, bevor das Boot im November winterfest gemacht wurde, noch Diesel vollgetankt hätte.
"Nöö", meinte ich, " musste ich das denn?".
Ja, meinte der Fachmann, wenn der Tank nicht voll wäre, dann würde sich bei Kälte Kondenswasser an den Tankwänden bilden. Und das würde sich dann mit dem Diesel vermischen, der Motor würde dann irgendwann anfangen zu stottern. Das kann sein, dass muss aber nicht sein, aber vielleicht wäre das ja jetzt der Grund.
"Na prima", sagte ich zu John und dachte, warum hast du mir das nicht schon letzten November gesagt.
"Und jetzt?"
"Jetzt muss man mal schauen und den Dieselfilter ausbauen. Kannst du das selbst tun?", fragte mich John.
"Ich weiß noch nicht mal wo sich der Dieselfilter befindet,", erwiderte ich, "und vielleicht hat es ja auch gar nichts mit Kondenswasser zu tun. Ich brauche Hilfe. Von nem Fachmann!".
"Gut, dann kann Jan-Geerd morgen früh um neun zu dir nach Groningen kommen und mal schauen", sagte John.
Ich bedankte mich, legte auf, holte mir aus dem Kühlschrank ne neue Büchse Heineken, schenkte mir dazu einen großzügigen Grappa ein, kippte mir beides in einem Zug hintereinander hinter Binde und ging ins Bett.
Ich hatte die Nase voll.
Gestrichen voll.
Der erste Tag meiner großen Bootstour nach Süd-Frankreich war jedenfalls schonmal komplett in die Hose gegangen.

Dinghy kürzer anleinen.
Kondenswasser im Diesel.
Pfffhhhh.

Leitzentrale.
Agnes.
John.
Ihr könnt mich mal.
Und zwar kreuzweise.

Um sieben war ich mit einem Schlag hellwach.
Was würde der heutige Tag bringen?
Motor irreparabel?
Tourabbruch?
Gedemütigt wieder mit dem Zug nach hause fahren und mir von Britta anhören müssen, ich hätte mir besser mal nicht so'n altes Boot kaufen sollen?

Mies gelaunt bin ich aufgestanden und hab mich gefragt, ob ich den Tag direkt mit ner Büchse Heineken beginnen oder mir doch besser beim Bäcker ein paar Brötchen holen sollte.
Ich entschied mich für die Brötchen.

Um viertel nach neun kam Jan-Geerd mit einer Tasche voller Werkzeug an.
Er begrüßte mich freundlich lächelnd, meinte, na, dann schauen wir mal, öffnete die Motorraumabdeckung, leuchtete mit der Taschenlampe alles ab und sagte dann: "Ja, das kann man sehen, da ist Wasser im Dieselfilter".
"Toll", erwiderte ich, "und jetzt?".
"Jetzt brauchst du einen neuen Filter. Normalerweise haben die an der Unterseite so ein kleines Ventil, mit dem man das Kondenswasser ablassen kann. Aber der Filter hier hat kein Ablassventil".
War ja klar, wie sollte es auch anders sein, dachte ich.
"Und jetzt?".
"Jetzt brauchst du einen neuen Dieselfilter, mal sehen, wo wir so einen herbekommen können".
Und während ich mich schon auf eine mehrwöchige Lieferzeit einstellen wollte, hat Jan-Geerd ein paar mal telefoniert.
"Ich habe einen, kann ich gleich mit dem Auto abholen, hier in Groningen, da hast du Glück gehabt".

Nach einer dreiviertel Stunde war Jan-Geerd mit neuem Filter wieder da.
Der Filterwechsel ging ratzfatz und als alle Schrauben und Muttern wieder fest angezogen waren, entlüftete Jan-Geerd noch den Motor, drehte den Zündschlüssel... und der gute alte DAF-Sechszylinder sprang sofort an.
Jan-Geerd gab im Leerlauf Gas in allen Stufen.
Da ruckelte nix, da stotterte nix.
Alles war wieder wie neu...

Der Mechaniker packte sein Werkzeug, gab mir freundlich seine dieselverschmierte Hand zum Abschied und trollte sich zu seinem Auto.
"Schickt mir ne Rechnung, ich überweise sofort", rief ich ihm noch hinterher, worauf Jan-Geerd nur den Daumen seiner freien linken Hand hob und entschwand.

Sollte das jetzt wirklich alles gewesen sein?

Ich war mir noch etwas unsicher, schnappte mir dann aber die kleine Sackkarre und stiefelte zum Jumbo. Dabei summte ich plötzlich das Lied von den Toten Hosen "An Tagen Wie Diesen" vor mich hin.

Als ich die Einkäufe alle verstaut hatte, sprang der Motor auf Anhieb an.
Ich löste die Leinen, das Landstromkabel, parkte die Kuba perfekt rückwärts aus dem Osterhaven aus und fuhr bedächtig Richtung Nord-Willems-Kanaal.

Kein Ruckeln, kein Zuckeln, der Motor lief prächtig.
Und das Dinghy kurz angebunden hinten dran.

(Fortsetzung folgt)


Foto im Anhang = Durchfahrt unter der Spoorbrug


















meine Reiseberichte gibt's auf www.paolo.de

Offline odet

  • Verified User
  • Senior Member
  • ****
  • Beiträge: 122
  • Ich liebe dieses Forum!
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #1 am: 28.09.2017, 17:05 »
Na, so schlimm war das ja alles nicht :-)

Offline Sammi

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 96
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #2 am: 28.09.2017, 20:06 »
Du hast aber echt nen Lauf bei Pleiten, Pech und Pannen.

Viel Erfolg auf dem Weg nach Frankreich, ich freu mich auf weitere Geschichten und fiebere eifrig mit.
Of all the things I've lost
I'd miss my mind the most.

Offline Stevie

  • Administrator
  • VIP Member
  • *****
  • Beiträge: 3898
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #3 am: 28.09.2017, 20:27 »
Hi Paolo,

Top-Story, weiter so! Such dir schon mal 'nen Verleger für das Buch  ;D.

Gruß Stevie

Offline Volpi

  • Verified User
  • Senior Member
  • ****
  • Beiträge: 427
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #4 am: 29.09.2017, 12:01 »
Atemberaubend Dein Bild ! Bei Dir muss man ja nicht nur sagen immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel, bei Dir muss man auch sagen immer eine handdicke Luft über Deinem Boot.

Danke für Die Zeit die Du dir nimmst zum Schreiben. Ich freue mich weiter bei Deiner Tour dabei zu sein.

Herzliche Grüße aus Berlin
Petra


Offline KarlHwrede

  • Verified User
  • VIP Member
  • *****
  • Beiträge: 1117
  • Lieber sachlich bleiben
    • Erdbeerbecher
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #5 am: 29.09.2017, 12:14 »
Sind das Regentropfen oder Angstschweiss auf den Scheiben ?

Ich kann mch nur Stefan anschliessen, such schon mal einen Verlag  ;D ;D

Offline paolo

  • Verified User
  • VIP Member
  • *****
  • Beiträge: 1411
    • deadzone
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #6 am: 29.09.2017, 13:33 »
Hey Jungs und Mädels,
vielen Dank für die netten Aufmunterungen :)

Bin soeben in Dublin gelandet (mit dem Flieger, nicht mit der Kuba)
Ankunft: pünktlich
Wartezeit auf Martins: 0 Minuten
Verkehr: kein Stau bisher
Wenn das so weiter geht, sind wir um halb drei @ MHM

Aber man weiß ja nie, was plötzlich dazwischen kommen kann. Jedenfalls bei mir nicht, Hahahaha

Ich werde berichten:) :) :)
meine Reiseberichte gibt's auf www.paolo.de

Offline stg

  • Verified User
  • VIP Member
  • *****
  • Beiträge: 738
    • Unsere Blogseite
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #7 am: 29.09.2017, 15:06 »
Petri heil Paolo!

LG Stefan
Das Gegenteil von gut - ist gut gemeint!

Offline Bernd Groten

  • Verified User
  • Senior Member
  • ****
  • Beiträge: 283
  • Ich liebe dieses Forum!
Re: KUBA (Teil 4)
« Antwort #8 am: 29.09.2017, 16:21 »
Das ist ja genug Zeit zum Schreiben in der kommenden Woche. ;D

Neid, ich wäre jetzt auch gerne drüben.... war immer unsere Woche :'(

Petri Heil und Hechtaugen, so groß wie Glasmurmeln

Gruß

Bernd