Shannon-Forum

Autor Thema: Hausboot-Unfall in Italien  (Gelesen 1217 mal)

Offline kaddl18

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Hausboot-Unfall in Italien
« am: 03.05.2019, 13:35 »
Hallo zusammen,

gerade habe ich folgenden Artikel entdeckt:

https://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/unfall-hausboot-zerquetschte-frau-an-bruecke-tot-61643500.bild.html

Das ist natürlich extrem dumm gelaufen und schlimm für die Betroffenen. Aber ich frage mich auch: Wie kann man das nur versuchen wollen?

Offline Frank & Steffi

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Re: Hausboot-Unfall in Italien
« Antwort #1 am: 04.05.2019, 13:31 »

Hi Kaddl,

ich geb Dir Recht, daß das ein echtes Drama war, nur denke ich nicht, daß die da noch irgend etwas aktiv(!) "versucht" haben.  :-[
So wie ich den Unfallhergang verstanden habe, sind die stromabwärts bei erhöhter Strömung durch die erste der beiden Hebebrücken durchgefahren und haben dann festgestellt, daß die zweite noch nicht gehoben war.
Nun gehe ich davon aus, daß die Besatzung nicht besonders erfahren in Sachen Bootsmannschaft war und der Skipper einfach nur verlangsamen wollte und das Gas rausgenommen oder gar auf Rückwärtsgang geschaltet hat. Und dann kam es wie es kommen mußte; das Boot drehte sich querab zur Strömung, den physikalischen und strömungsmechanischen Gesetzen folgend. Und in dieser Position sind die dann eben auf den Brückenpfeiler / die Brücke draufgetrieben. Und je nachdem, wie knapp der Abstand / hoch die Strömung war, blieb eben nicht mehr genug Zeit für rationale Enscheidungen und die Frau hat einfach nur noch reagiert und versucht sich wegzudrücken.
Mit mehr Zeit und / oder Erfahrung wäre das alles natürlich vermeidbar gewesen... so aber nahm das Drama seinen Lauf.

Eine Tragödie! Meine Gedanken sind bei den Hinterbliebenden!


Zurück zur Sache: Wenn ich mich richtig erinnere gab es vor einigen Jahren an einer der ersten Shannonbrücken nach dem Lough Ree einen ähnlich gelagerten Vorfall, bei dem - gottlob - niemand ernstlich zu Schaden kam. Vielleicht mag das noch jemand mal raussuchen, bin gerade "mobil-online" und bekomme das nicht rausgesucht...

Zur Vermeidbarkeit: ganz kurz das korrekte Vorgehen skizziert...  wenn ich bei Strömung von achtern auf eine geschlossene Brücke zufahre, drehe ich das Boot rechtzeitig vorher mit dem Bug in die Strömung und warte, bis die Brücke gehoben wurde, fahre dann abermals eine Wende und laufe dann "mit guter Fahrt" durch die Brücke, denn wenn ich mit der Strömung fahre und nicht genug "Fahrt über Grund(!)" mache, dann hat zum einen mein Ruder keine Wirkung und zum anderen laufe ich Gefahr, daß mich die Strömung einfach umdreht, da gewissermaßen der Querschnitt meines Rumpfes als großes Ruder wirkt und das Boot so lange dreht, bis der Anpreßdruck auf dem Rumpf an allen Stellen gleich groß ist. I.d.R. also wenn der Boot querab (90°) zur Strömung liegt. (Was ja genau hier passiert ist...)
Der Vollständigkeit halber noch der "Notbehelf": Bei Motorausfall bzw. falls es mir doch passiert und ich nicht weiß, wie ich es beheben kann, schnellstmöglich den Anker mit "guter Kette" auswerfen und hoffen, daß er mir das Boot rechtzeitig vor dem Hindernis aufstoppt und mit dem Bug in die Strömung "reißt", ohne daß mir die Ankerkette / -leide die Ankerklampen / -klüsen ausreißt...

Eleganter wäre es natürlich gewesen, sofort, wenn bemerkt wurde, daß die Strömung das Heck umdreht, das Ruder auf Anschlag zu legen und mit einem ordentlichen "Schub voraus" den Bug in die Strömung zu drehen und somit das Boot zu stabilisieren...

... aber genug Bootsmannschaft, fakt ist hier, daß entweder nicht genug Zeit, Raum oder Wissen vorhanden war. Leider!  :'(
... und sind wir nicht daheim, dann sind wir auf dem Sonnendeck - oder wenn´s ganz arg regnet auch mal unter Deck ;)

Offline paolo

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Re: Hausboot-Unfall in Italien
« Antwort #2 am: 04.05.2019, 18:12 »

Zur Vermeidbarkeit: ganz kurz das korrekte Vorgehen skizziert...  wenn ich bei Strömung von achtern auf eine geschlossene Brücke zufahre, drehe ich das Boot rechtzeitig vorher mit dem Bug in die Strömung und warte, bis die Brücke gehoben wurde, fahre dann abermals eine Wende...


Noch zu Frank ergänzt: Wenn man das Boot bei achterlicher Strömung wendet, muss man schon auch kräftig Gas geben, damit das Boot so schnell wie möglich rum kommt. Fährt man zu langsam, läuft man Gefahr, dass einen die Strömung von der Seite packt.
2017 bin ich in Holland  eine längere Strecke auf der Ijssel bei Hochwasser und einer Strömung von gut 6-7kmh über Grund (SOG) gefahren.
Da habe ich das Wenden bei starker Strömung an einem Morgen mehrfach zum Spaß durchgeführt und hab festgestellt: Je schneller desto besser bzw. desto kleiner der Radius.
Infos zu mir - gibt's hier:
https://www.paolo.de

Offline Frank & Steffi

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Re: Hausboot-Unfall in Italien
« Antwort #3 am: 04.05.2019, 19:14 »
Genau! Deshalb ja auch das:
"das Ruder auf Anschlag zu legen und mit einem ordentlichen "Schub voraus" den Bug in die Strömung zu drehen und somit das Boot zu stabilisieren..."

Wenn man erst Gas gibt und dann Ruder legt - am Ende beides nur halbherzig - bekommt man den Bug nie herum, weil ja quasi das gesamte Unterwasserschiff als Ruder dagegenhält.

Wohlgemerkt: wir sprechen von "einfachen" Mietbooten mit wenig Leistung und fest stehender Schraube.
Bei beweglichen / steuerbaren Antrieben (Außenborder, Z-Antrieb,...) oder kräftigen Bug- und oder Heckstrahlruderanlagen sind die Optionen natürlich andere...

Aber grundsätzlich sehe ich es so, daß die Lage am sichersten beherrschbar ist, wenn man rechtzeitig und beherzt das von Paolo beschriebene Manöver durchführt.
... und sind wir nicht daheim, dann sind wir auf dem Sonnendeck - oder wenn´s ganz arg regnet auch mal unter Deck ;)

Offline Stevie

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Re: Hausboot-Unfall in Italien
« Antwort #4 am: 10.05.2019, 09:55 »
Auf dem Foto im unten verlinkten Beitrag sieht man, dass die Strömung dort schon sehr heftig war. Außerdem war zwischen den beiden Brücken nur 200m Abstand. Das ist für einen unerfahrenen Skipper, der plötzlich in der Strömung hängt, nicht wirklich viel. Erschwerend hinzu kommt, dass die Horizon nur mit ca. 50PS motorisiert ist. Für ein 8 Tonnen-Boot in solchen Bedingungen nicht viel.

Hier der Link: https://www.tz.de/welt/italien-todesdrama-urlauberin-zwischen-boot-und-bruecke-zerquetscht-zr-12248570.html

Gruß Stevie